Momente zwischen Flammendem Käthchen und Kaltem Hund

Dr. Wiebke Bobeth-Neumann zu Besuch bei Wolfgang Rathmann. Foto: Stefanie Langos

Hamburg. „Soll ich mal nach den Blumen schauen?“, fragt Dr. phil. Wiebke Bobeth-Neumann, nimmt die Pflanzschale mit dem Flammenden Käthchen und geht ins Nachbarzimmer, um sie im Waschbecken zu gießen. Wolfgang Rathmann sieht ihr nach. Der 71-Jährige liegt in einem Pflegebett im ersten Stock des Malteserstifts St. Maximilian Kolbe in Wilhelmsburg. Erist an Krebs erkrankt und auf die Hilfe anderer angewiesen. Wiebke Bobeth-Neumann ist seine ehrenamtliche Sterbebegleiterin.

Wolfgang Rathmann ist Fotograf und hat früher eine eigene Veranstaltungsagentur in Hamburg geleitet, Videofilme produziert und dafür gesorgt, dass die Licht- und Tontechnik an die Veranstaltungsorte gekommen ist. Nun lebt er seit einem Jahr im Pflegeheim; davor war er fast ein Jahr lang im Krankenhaus. Sein Gesundheitszustand hatte sich schnell verschlechtert.
Wiebke Bobeth-Neumann wohnt in Stapelfeld und arbeitet in der Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften in Schleswig-Holstein. Im vergangenen Jahr hat sie einen Sterbebegleiterkurs bei den Maltesern absolviert. Die 41-Jährige besucht Rathmann seit Februar dieses Jahres ein- bis zweimal in der Woche für gut eine Stunde. „Wie geht es Ihnen mit dem Liegen heute? Sie liegen sehr hoch“, stellt sie fest. Rathmann ist gut gelaunt und freut sich sichtlich über den Besuch. „Wenn wir uns sehen, sind wir glücklich“, sagt er. „Wir haben beide ein gutes Los gezogen“, so Bobeth-Neumann. „Weil wir uns auch gut verstehen“, ergänzt der Heimbewohner. Und: „Das ist für mich einmal in der Woche Abwechslung.“
Rathmann spricht mit seiner Sterbebegleiterin gern über aktuelle Themen aus Politik, Zeitgeschehen und Sport. Er informiert sich regelmäßig über das Fernsehen, das eine zentrale Rolle in seinem Alltag spielt. „Unsere Gespräche haben nichts Aufgesetztes, wir leben unsere Meinung. Das ist etwas, was in der heutigen Zeit verloren geht“, findet er.
Das Leben, nicht der Tod steht im Mittelpunkt der Besuche. Alles sonst dreht sich immer nur um die Krankheit. „Ich bin der einzige Mensch, der ohne Tabletten, frische Kleidung, Essen kommt, die Krankheit steht nicht im Mittelpunkt. Ich sehe ihn als Mensch, seinen Katheter sehe ich nicht“, sagt Bobeth-Neumann.

Die beiden haben im vergangenen halben Jahr eine Bindung und viel Vertrauen aufgebaut. „Kontinuität und Verlässlichkeit sind für mich absolute Grundpfeiler für so ein Ehrenamt“, sagt die Dozentin. „Ich habe ein stabiles Umfeld, ich kann mich gut darauf einlassen. Man sollte keine zu große Erwartungshaltung mitbringen, das Ehrenamt nicht moralisch erhöhen, sondern das einfach sehr entspannt und gelassen sehen.“ Es gebe ein Sprichwort: „Das Ehrenamt kommt mit leerer Hand.“ Und so sei das auch. „Das ist kein Bespaßungsprogramm. Ich komme hin und frage: Was liegt an?“

Die Stapelfelderin möchte ihre Ressourcen sinnvoll einsetzen.„Ich fühle mich fachlich, sozial und emotional gut unterstützt. Ich bin nicht allein, sondern Teil eines Teams. Die fachliche Qualifizierung als Sterbebegleiterin gibt Halt, sodass man sich das zutraut.“ Ihr Ehrenamt trage in ihrem Freundeskreis auch zur Enttabuisierung des Themas Sterben bei. „Und es gibt mir die Möglichkeit, im Kleinen, ein ganz klein bisschen die Lebensqualität eines Menschen zu verbessern“, berichtet Bobeth-Neumann. Es sei für sie leicht, eine Stunde in der Woche zu investieren. „Im Kleinen ein bisschen mehr Freude bereiten, das ist mein Antrieb.“ Als Wolfgang Rathmann vor kurzem Geburtstag hatte, brachte sie ihm Kalten Hund (eine Kekstorte) mit, als Erinnerung an die Geburtstage seiner Kindheit: „Den hab ich bei mir zu Hause eingefroren und alle vier Wochen essen wir ein Stück davon.“

Die Hospizgruppe Wilhelmsburg sucht ehrenamtliche Verstärkung. Der nächste Kurs „Sterbende begleiten lernen“ startet am 15. Oktober im Bürgerhaus Wilhelmsburg (Mengestraße 20). Die Einheiten sind hauptsächlich in Präsenz geplant. Die Malteser laden ein zum digitalen Infoabend am Dienstag, 14. September von 18:30 bis 20 Uhr. Weitere Informationen und Anmeldung unter 040 603 3001 oder per E-Mail an silke.steven@malteser.org

 


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